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Gottfried Wilhelm Leibniz

 

Es ist kein Zufall, daß sich unsere Verbindung den Namen LEIBNIZ gegeben hat. Nach dem Krieg, nach dem Entsetzen über die Katastrophe, in die uns eine fanatische, eng auf nur ein Ziel gerichtete "Weltanschauung" geführt hatte, nach der Trauer um die vielen Opfer dieser Raserei, nach der Enttäuschung über die Haltung der Protagonisten dieser Vergangenheit, suchte man einen weiten Horizont zu gewinnen, sich in allen Richtungen zu informieren, neue Ansätze in Politik, Wissenschaft, Kultur und persönlicher Haltung zu finden.

Da tauchte ein Vorbild auf: Gottfried Wilhelm Leibniz, der schon vom fünfzehnten Lebensjahr an Philosophie, Mathematik und Jura studierte, mit einundzwanzig den juristischen Doktor erwarb und eine außerordentlich vielseitige Tätigkeit entwickelte.

Er war Diplomat beim Kurfürst von Mainz, war in Paris, London, Holland. Eines seiner Ziele war dabei Frankreich eine Kolonialpolitik in Ägypten zu empfehlen und damit dessen Drang zum Rhein zu vermeiden, letztlich zu einem Ausgleich mit Frankreich zu kommen. Er wurde in dieser Zeit Mitglied der französischen und englischen Akademie der Wissenschaften und stand im engen Kontakt mit vielen führenden Wissenschaftlern seiner Zeit wie Hoyle, Collins, Huygens und Spinoza.

Mit dreißig Jahren wurde er Bibliothekar und Hofrat des Herzogs von Hannover. Im dritten Jahr starb der Herzog, sein Nachfolger stand Leibniz kühl und verständnislos gegenüber. So gab er ihm den Auftrag, eine Geschichte des Welfenhauses zu schreiben - viel Arbeit und Mühe, aber wenig befriedigend. Er reiste nach Wien und Italien, hatte ausgedehnten Briefwechsel mit den Fürsten und Wissenschaftlern Europas. Vom Kaiser wurde er zum Freiherrn ernannt, vom Zaren zum Geheimrat, in Hannover zum Geheimen Justizrat.

Nach seinen Erfahrungen in Paris und London bemühte sich Leibniz um die Errichtung wissenschaftlicher Akademien in den übrigen Hauptstädten Europas. Auf seine Anregung hin gründete Kurfürst Friedrich III. Im Jahre 1700 die erste deutsche Akademie der Wissenschaften in Berlin, deren Präsident er wurde. Dabei hat die Kurfürstin Sophie Charlotte wesentlich mitgeholfen, die ihn auch sonst unterstützte - man soll die Rolle der Frau nicht verschweigen. Auch in Petersburg gelang eine Gründung.

Leibniz durchdrang wissenschaftlich vor allen Jura, Naturwissenschaften, Politik, Mathematik, Historik, Theologie, Sprachforschung und Philosophie. Er bewirkte, daß die deutsche Wissenschaft nach den Schrecken des dreißigjährigen Kriegs wieder eine beachtliche Höhe erreichte und international anerkannt wurde. Er galt unumstritten als der größte Gelehrte seiner Zeit und wird immer noch als der vielseitigste deutsche Denker anerkannt, der letzte "Universaldenker". Er war aber mehr als ein "Alleswisser": er hat als universeller Geist alle Lebensbereiche zu einer Einheit höherer Ordnung verbunden. Er war der Mann, der auch in der großen Welt der Geister und der Machthaber wirken konnte, immer um zu einer Einigung, einer Synthese zu kommen.

Die Zahl seiner Erfindungen, Ermahnungen und Ausarbeitungen ist Legion. Eine Pumpe zur Grubenentwässerung, eine Rechenmaschine, eine neue Sammellinse, ein Tauchschiff, Versicherungsanstalten, eine Einheitssprache und -Schrift, der Versuch einer deutschen Sprachlehre, Kampf gegen Fremdwörter, und besonders die Mathematik: er führte die bekannten Symbole und Zeichen ein, auch für die Differential- und Integralrechnung, entdeckte die Determinante und binäre Zahlen. Bei alledem blieb ihm keine Zeit, seine Werke zusammengefaßt zu veröffentlichen.

Es fehlte nicht an Neid und Verständnislosigkeit beim Hof, an wissenschaftlichem Streit, besonders mit Newton um die Urheberschaft zur Differentialrechnung, so daß er enttäuscht mit siebzig Jahren 1716 starb.

Ein Vorbild nicht nur in Wissenschaft und Politik, sondern auch in seiner persönlichen Haltung; klar, gerecht, aber auch voll Liebe und Verständnis für die Menschen, tief religiös, freizügig und nicht an Dogmen gebunden, schöpferisch denkend, sicher und gewandt im Auftreten bei Seinesgleichen und bei den Herrschenden.

Auch in unserer Zeit, wo vieles verschwimmt, unsicher und ziellos wird, ist es gut, sich an einen solchen Menschen zu erinnern. Und wenn man nur ein ganz klein wenig aus seiner Fülle schöpfen kann: es schafft Erkenntnis, Wille und Mut zum richtigen Handeln und Denken.

Von Friedrich Schweikhardt (Ehrenvorsitzender)

Akademische Verbindung Leibniz - AVL
23. November 2017 - 08:34